![]() Essays 2004 - 2009Vernissage „Weinlese“ 24.10.2004
Dietmar Brixy – Rebwerk Eine Flut von Farben, Strukturen und Rankwerk scheint die Leinwand zu sprengen. Wie Adern ziehen sich Reben und Ranken über das Bild, durchdringen Vorder- und Hintergrund, verästeln sich umfassen das gesamte Bildgeschehen und geben diesem eine innere wie äußere Struktur. Der neue Zyklus der Rebenbilder von Dietmar Brixy hat es zweifellos in sich. Die erste Frage lautet jedoch sicherlich, wie kommt der Maler, den wir von seinen Bildern her zu kennen glaubten, dazu, plötzlich nicht mehr Bilder der Ferne sondern seiner Umgebung zu malen, seiner Heimat, der Pfalz, in der er verwurzelt ist. Da war zunächst einal das große Werk des Pumpwerks, der neuen Heimat in der alten, wenn man es so nennen will, ein Werk, das ihn jahrelang beansprucht hat, der künstlerischen Arbeit kaum Raum gegeben hat, sieht man einmal von der architektonischen und innenarchitektonischen Beschäftigung ab. Als das Werk vollendet war, lag es nahe, sich einmal dem zu widmen, was tatsächlich nahe liegt. In diesem Fall war der Anreger ein großer alter Weinstock, den der Künstler erworben hat und der noch seiner Verpflanzung harrt. Frisch ans Werk also und heute zählen wir zu den Glücklichen, die das Resultat als Erste sehen dürfen. Wir gehen näher an die Bilder heran und bemerken zunächst die vielen Schichten an Farbe, die das Bild als Bild ausmachen, aufgetragen mit Pinsel, Hand, mit Spachtel, die dann teilweise wieder weggekratzt wird. Man kann das Bild auf dieser Ebene lesen wie eine Topografie, eine Landschaft, die uns ihre Struktur, ihren inneren Zusammenhalt enthüllt. Lineares gibt es da, Flächiges, Fließendes; Lavaströmen gleich haben die Farben die Leinwand erobert. Konkrete Formen sind das, gewiß, wiedererkennbar als Reben, Trauben, und doch kaum greifbar, so, als sehe man in ein undurchdringliches Dickicht oder Geflecht, bei dem man nicht entscheiden kann, was vorn und was weiter hinten liegt. Dabei bleibt es aber nicht; Farbe und Form verselbständigen sich in gewisser Weise auf der Leinwand, führen beinahe ein Eigenleben. Brixy erreicht mit seiner Malerei einen Abstraktionsgrad, der auch ohne den figurativen Bezug gut leben könnte. A propos Figur: unser Maler würde nicht Brixy heißen, wenn er nicht hier und da eine Figur im Bild versteckt hätte. Das Lebendige, den Fortgang des Lebens festzuhalten ist stets ein Ziel seiner Malerei gewesen, und Mensch und Natur gehen daher in seinen Bildern eine zwingende und naturgemäße Verbindung ein. Aber kehren wir noch einmal zurück zu den Farben. Eine ungeheuer differenzierte Farbigkeit bietet sich unseren Augen dar, nicht nur ein Farbenrausch, auch eine wohlkalkulierte Farbsetzung in koloristischer Tradition, die Farbe an Farbe setzt, kleine Farbkleckse naben größere Flächen, und damit Tiefe und Textur des Materials betont. Das Kratzen wirft die Farbe reliefartig auf, legt weiter unten liegende Farbschichten frei und bewirkt im Zusammenspiel mit dem Darüberliegenden manchmal eine chamäleonartige Farbigkeit, erzeugt einen Farbraum, der sich ständig verändert. Doch obwohl hier eine unglaubliche Dynamik sich Bahn bricht, gibt es doch auch Zonen der Ruhe, der Kontemplation und wenn diese Malerei scheinbar keine Begrenzung kennt, ist doch immer der gewählte Ausschnitt eine bewußte Beschränkung, die das Bild dennoch offen läßt, bzw. nach außen hin öffnet. Am treffendsten läßt sich Brixys Malerei wohl als eine Malerei der Stimmungen, der Emotionen beschreiben; vom kühlen dominierenden Blau/Weiß über ein warmes Gelb/Orange hin zu brennenden Rottönen bietet seine Palette die gesamte Bandbreite menschlicher Empfindungen im Ausdruck der Farbe. So bieten sich dem Auge des Betrachters Topografien der Emotion, gleichzeitig aber auch Vignetten zum Wein, zur Arbeit des Wein-Machens und zum Genuß des Weintrinkens, den wir nicht vergessen wollen. Den Sensationen auf der Zunge entsprechen die des Auges - vom ersten Schlürfen bis zum langanhaltenden Abgang. Brixys Arbeiten sind von Licht und Schatten gleichermaßen bestimmt, kompakte und flüchtige Form durchdringen einander, Schweres und Leichtes wechseln ab. Manche der Arbeiten sind beinahe grafisch, erinnern vage an kostbare japanische Holzschnitte der großen Meister und wie bei jenen ist das Innenleben der Bilder, die Kleinformen und Binnenstrukturen manchmal kompliziert, sie finden jedoch stets zur großen Form zusammen. Dann sind da noch die kleinen Arbeiten, vom Format her zwangsläufig etwas anders aufgebaut als die großen, dabei beileibe nicht schlechter, eher wie kleine Perlen, sehr konzentriert, die das Relief der Farbe stärker sehen lassen. Beide, große und kleine Arbeiten, kann man getrost als Porträts von Reben und Trauben ansprechen, unverwechselbar sind sie in ihrem Charakter und auch die assoziativen Titel legen dies nahe. Unverwechselbar ist auch die Handschrift des Malers, der hier einen neuen Zyklus von Arbeiten vorgelegt hat, der die ganze große Bandbreite seiner Kunst zeigt und bei dem man sich nicht satt sehen kann, was man, wenn wir zum Wein zurückkehren, bei diesem lieber nicht übertreiben soll und dem man statt dessen lieber in Maßen zusprechen sollte. Dr. Martin Stather Mannheimer Kunstverein |

