Essays 2010 - 2011

Dietmar Brixy -7 Jahre Kunst im „Alten Pumpwerk“ Eröffnungsrede von Dr. Melanie Klier 19. September 2010

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Dietmar Brixy, ich möchte mich zunächst sehr herzlich bedanken, dass ich in diesen fabelhaften Räumen zusammen mit Ihnen eine imponierend dynamische Kunst bestaunen und ehren darf, die so saft- und kraftvoll ist und zeitgemäß, dass es Freude macht.

Die meisten von Ihnen, als Mannheimer, kennen sicher die einmalige Kunst von Dietmar Brixy. Seinen unverkennbaren Brixy-Stil der spannenden, pastosen Materialbilder. Von faszinierend vielschichtiger und gleichzeitig haptischer Qualität. Welche übrigens immer eine Gratwanderung zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit bedeuten. Denn selbst wenn Dietmar Brixy das Füllhorn der Natur zum Ausgangspunkt seiner Bildwelt macht, begegnet er in seiner künstlerischen Auseinandersetzung vor allem der Urkraft Malerei.

Sie werden es gewiss wertschätzen, dass sein malerisches Interesse leidenschaftlich um ein Thema kreist, zu welchem ihn, wie gesagt, stets die Natur inspiriert: Farbe, Farbe und nochmals Farbe. In ihrer Leuchtkraft. Ihrer energiegeladenen Frische. Und natürlich auch mit ihrer Bandbreite von zart transparent bis dicht opak.

Und, Sie wissen längst, meine sehr verehrten Damen und Herren, dass und wie Dietmar Brixy formal und inhaltlich aus dem Vollen schöpft.

Dass er in einem ersten Schritt die Leinwand schwarz oder anders farbig grundiert, um darauf gegen die Farbe anzuarbeiten. Inspiriert von Amerikanischen „Actionpainting“ und dem „Dripping“ überrieselt er die Leinwand mit Pinselspritzern. Im nächsten Zug zieht, drückt, ballt er mit den Händen farbige Malspuren über und auf seinem Gemälde, um wiederum alles zu einer einzigen vibrierenden Farbfläche zusammenzustreichen. Dann rhythmisiert er seine Farbschichtenmalerei erneut mit weiteren farbigen Akzenten. Schreibt dem Bildganzen mit den Fingern und Spachteln Farbspuren- und schlieren ein, um schlussendlich aus einzelnen Partien mit der Spachtel einen pointillistisch durchsprenkelten Malgrund herauszuschälen, Vorder- und Hintergründe sowie Reliefstrukturen entstehen zu lassen.

Ein Werk der maximalen Polyperspektivik, aber auch der unbegreiflich illusionistischen Plastizität und Fülle. Ich habe Dietmar Brixy und seine Kunst erstmals im März auf der diesjährigen art KARLSRUHE kennengelernt: mit einer fulminanten Präsentation seiner Rundbilder. Ein Farb- und Sinnenrausch, der sensibel und prachtvoll inszeniert, als bahnenziehendes, kreisendes, ja fließendes organisches Arrangement von gut 30 Formaten auf zwei hohen Messewänden wuchs. Damals ahnte ich noch nicht, dass dies wahrlich nur einen winzig kleinen Ausschnitt bedeuten würde. Und so auch nur einen kleinen Einblick geben würde, in ein überbordendes, reif und saftig blühendes Gesamtkunstwerk, das vor üppiger Pflanzenpracht und Dynamik eines Farbrausches strotzt: Die Kunst und das „Alte Pumpwerk“ von Dietmar Brixy.

Sie haben ja als Mannheimer Heimvorteil und können stolz darauf sein, dass dieser, vom Künstler als Bauherrn in Zusammenarbeit mit dem Architekten Matthias Henrich, vor neun Jahren liebevoll und fachmännisch restaurierte, neugotische Industriebau aus dem Jahr 1903, mit einem Denkmalschutzpreisen ausgezeichnet wurde: von der Württemberger Hypo, dem Schwäbischen Heimatbund, dem Landesverein Badische Heimat sowie der Denkmalstiftung Baden-Württemberg.

Für mich stellt das „Alte Pumpwerk“ ein erstaunliches Wahrzeichen für Kunst dar, die gelebt wird. Es steht für eine Kunst, die in ihrer kathedralenhaften Gebäudeerscheinung nicht minder beeindruckt und nachhallt wie die Malerei von Dietmar Brixy.

Wenn wir also heute „7 Jahre Kunst im Pumpwerk “ feiern, dann feiern wir natürlich nicht nur dieses moderne Künstlerhaus, welches Wohnraum, Atelier, Ausstellungsplattform und ein repräsentatives, lebendiges Kunstwerk mit einer bezaubernden Gartenlandschaft darstellt. Nein, wir feiern vor allem eins: Den Allrounder - den Maler, Innenarchitekten, den leidenschaftlichen Gartenkünstler und Naturliebhaber Dietmar Brixy, der hier sieben Jahre lang Erstaunliches geschaffen hat.

Bei dem, wie er selbst in einem Lifestyle-Magazin der Region zum Besten gegeben hat, speziell hier ein kreatives „Ventil geplatzt“ sei. Während ihn in den 90er Jahren noch Fernreisen nach Malaysia, Mexiko, und auf die Seychellen für seine Gemälde inspirierten, öffnet er heute nur noch die beiden großen, seit seiner Kindheit ersehnten Flügeltüren - und hat die ganze Üppigkeit seiner selbst gepflanzten und gepflegten Naturschönheiten im Visier: Seine Rosen, Dahlien, Rhododendren und Kamelien. Seine Weinstöcke, die Olivenbäume, die Palmen. Die Zypressen und Magnolien, die Ginkobäume und Bambusbüsche.

Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang zurückblicken, zur Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert, und den französischen Staatsmann Georges Clemenceau bemühen. Dieser kommentierte einst die Kunst des Impressionisten Claude Monet und sein paradiesisches Anwesen in Giverny:

„Der Garten Monets muss zu seinen Werken gezählt werden, da er den Zauber einer Anpassung der Natur an die Arbeiten des Lichtmalers verwirklichte. Eine Ausdehnung des Ateliers ins Freie, mit Farbtönen, die nach allen Seiten verschwenderisch hingebreitet waren zur Übung des Auges, durch lockende Schwingungen, von denen eine fieberhaft erregte Netzhaut eine niemals zu stillende Freude erwartet.“

Zweifelsfrei gehen Sie mit mir d` accord, dass auch bei Dietmar Brixy Naturpracht und Malerei in Eins verschwimmen. Dass Dietma Brixys Paradiesgarten auf seinen Gemälden Früchte trägt. Jeden Herbst hat er sein Reich für eine Ausstellung geöffnet. Und „7 Jahre Kunst im Pumpwerk“ bedeutet dementsprechend: Rückblick und Eintauchen in eben diese spektakuläre Fülle und Vielseitigkeit. In eine sich stets wandelnden Kunstlandschaft, in welcher der Maler mühelos von einer Tonart in die andere wechselt: vom lyrisch Leisen, zum dramatisch Gedrängten. Auf unterschiedlichen Formaten: Quadratischen, rechteckigen, runden Leinwänden. Immer behält er dabei den 1.600 Quadratmeter großen Garten im Blick. Mit natürlich unterschiedlichen Protagonisten:

2004 ist es der Weinstock, 2005 und 2006 der Bambus, worauf ich später näher eingehen werde. 2007 wächst im Zyklus „Grow“ die Iris beispielsweise als konkrete Sorte wie der „Hello Darkness“ oder der „Campagner Elegance“, zum herangezoomten Leinwandstar. Was Sie übrigens später im „Freisitz“ nicht versäumen sollten anzusehen. Hier können Sie den überlebensgroßen Pflanzen en Face oder in der direkten Aufsicht auf ein rauschendes Blüteninnere begegnen. •2008 dann wird unter dem Titel „Beyond“ das zarte Ginkoblättchen zum Themenschwerpunkt und - in Kontrast dazu - der knorzige Olivenbaum. •Und schlussendlich steht 2009 die pralle Feige als erotische Paradiesfrucht im Mittelpunkt des Zyklus „Eden“, der im Frühjahr 2010 die barock-füllige Pracht-Schau „Ripe and juicy“ in spektakulärem barocken Rahmen folgen soll: in der weltberühmten Orangerie des Schwetzinger Schlosses. Ein Winterquartier besonders sonnenverwöhnter Pflanzen, in der Hauptsache Orangen- und Zitronenbäume. Hier und heute sehen Sie diese Zitrusfruchtsorten, von denen Dietmar Brixy für seine Malfluten abstrahiert: In den Hochformaten „Nagami“ beispielsweise oder in „Makaku Kishu“.

Gehen wir nun aber gemeinsam auf eine Entdeckungsreise und genießen einen herrlichen Rückblick, wobei ich Ihnen noch das ein oder andere Gemälde zeigen werde.

2004 lud Dietmar Brixy erstmals im Pumpwerk zur „Weinlese“, erstmals inspiriert von Kunst vor der Haustür: vom Weinstock im eigenen Anwesen. Im Wohntrakt können Sie die Werke „Komplex“ und „Anthozyane“ bewundern. Im Keller ist das große Querformat „Federspiel“ mit dem Maßen 180 x 240 cm installiert. Letzteres: Eine zarte Flut von hellem Grün, Weiß und Schwarz. Von fein ziselierten und eingekratzten Strukturen. Von eingerücktem Blattwerk und von gestisch angedeutetem Trauben, Reben und Rispen. Sowie von über die Bildfläche mäandernden Farbflüssen in Orange. All das bildet ein dichtes und dennoch leicht anmutendes Rank- und Flechtwerk.

Unter dem Titel „Roots“ widmet sich Brixy 2005 dem Phänomen Bambuspflanze, konkret den Bambushalmen. Er ist fasziniert, wie robust einerseits und biegsam andererseits dieses Grasgewächs ist. Brixy führt uns durch sein Stapeln, Freilegen, Übermalen und Herausschälen von Farbflächen eindrucksvoll vor Augen, was man unter einer Perzeptionsleistung des Betrachters verstehen soll:

Denn wir müssen erkennen, was wir mittels der neben-, hinter- und übereinander gebündelten Farbbahnen vor uns sehen - im Dickicht der Gewächse: Oberflächengestaltung der Halme und ihre Faserigkeit einerseits. Auch das Kräftespiel der Natur und Wachstumsdrang, den uns der Maler als gestische Ausdehnung und Bogenführung zeigt, zum anderen. Wachstumsringe auch, die nicht nur Plastizität der Materialbilder bündeln, sondern auch Vitalität. Und – Brixy lässt uns „dahinter“ blicken: Weil er mit der Formfindung seiner bunt durchfurchten Farbspuren regelrecht der Natur auf der Spur ist. So erkennen wir nicht nur räumliche Tiefe, sondern gehen via Maltechnik der Pflanzenwelt unter die Haut. Wir meinen Unsichtbares zu Tage gefördert zu sehen. Das Fließen von Säften in Pflanzenstielen.

Vergleichen Sie bitte hierzu später das Gemälde „Bambuszauber" mit dem Artefakt „Bambusdschungel“. Auf beiden Kunstwerken wachsen die Halme in die Leinwand hinein und über diese hinaus. Ein typischer Brixy’scher Landschaftskosmos ohne Anfang und Ende, welcher die Unendlichkeit des vegetativen Kreislaufs, des Wachsens späterer Bilder vorweg zu nehmen scheint. Die Gegenüberstellung der beiden Werke macht im wahrsten Wortsinn Brixys „Spannbreite“ dieses für ihn unerschöpflichen Themenkomplexes deutlich: Von der Biegsamkeit dreier Äste in „Baumbuszauber“ zu einer schier undurchdringlich vernetzten und nicht enden wollenden Urwaldwildnis hochschießender und sich biegender Bambuswälder.

2006 bringt die schwere Schneelast auf den sich in seinem Garten, bis zum Boden biegenden Bambushalmen Dietmar Brixy auf die Idee, sein malerisches Thema und die äußere Form zu konzentrieren. Er ballt beides im Rundbild, dem Tondo. „Runde Sache“ nennt er diese Werkreihe seiner Bubbles und Murmeln, die wie „Bälle über die Wände rollen, wobei sich im Inneren der Bambus vital und ungebändigt in Halbkreisen durch das runde Format windet“, wie Ulrike Lehmann treffend erläutert. Einige „Bubbles“ werden Sie in dieser Retrospektive sehen. Eine wirklich große, beeindruckende Installation präsentiert zeitgleich gerade das Modehaus Engelhorn in der Stadt. Brixys Rundbilder kugeln hier, vom kleinsten Format mit 22 cm, bis zu einem Durchmesser von zwei Metern, in einer Diagonalen über eine Schaufensterwand.

Übrigens: Man hat vielfach die gebogene gemalte, gestische Bewegung und die rotierende Kreisform mit dem Symbol für Vollkommenheit, Einigkeit, Harmonie in Relation gesetzt. Das stimmt zweifelsfrei. Wie auch die kunsthistorische Erläuterung, dass sich der Tondo aus der Medaillonform entwickelt habe und gerade in der Renaissance für die Darstellung von Madonnenbildern funktionalisiert wurde, um die Harmonie zwischen Muter und Jesuskind zum Ausdruck zu bringen.

Ich möchte aber noch einen Schritt weiter gehen: Ich denke, wir sollten das Rundbild, das in der Architektur ja auch als „Ochsenauge“ bezeichnet wird, mit dem Auge, der Iris, in Zusammenhang bringen. Denn seit alters her gilt, sowohl in der Literatur als auch in der Malerei, das Auge als Marginalie zwischen Innen- und Außenwelt. Als Fenster der Seele, durch welches man nach draußen, aber auch tief in die Künstlerseele blicken kann. So wird auch der Tondo für Brixy zum Transportmittel seiner künstlerischen Überlegungen, und inszeniert so etwas wie „Vorstellungskraft“, eine unerschöpflicher künstlerischer Impetus.

Vielleicht stürmt und rauscht es ja daher in seiner „Stormy Bamboo-Bubble“ und in seiner „Busy Bamboo-Bubble“ gleichermaßen. Nur auf andere Art: Wie unter einem mikroskopisch fokussierten Blick beobachten wir in „Stormy Bambbo-Bubble“ die explosionsartig aufsprengende Kraft von Lebensenergie. Motivisch angedeutet durch das Aufplatzen von Blüten, in eben jenem Schüttelglas. Aber erkennen wir nicht möglicherweise auch in den Schnittstellen, die durch Überlagerung der kreisenden Halme entstanden ist, seelische Berührungspunkte des Künstlers? Schließlich sagt Dietmar Brixy, dass es die Linie sei, die seinen „roten Faden“ bedeute. „Mit ihr kann ich alle meine Gefühle und Befindlichkeiten ausdrücken“.

In „Busy Bamboo-Bubble“ dagegen drängen sich biegende Bambushalme dicht an dicht, überlagern und ballen sich wie in einem Rausch zu schier unzähligen Farbspuren. Intensiviert zu geballter Kraft der Fülle, also. Die malerische Dynamik kreist in unendlichen Bewegungen weiter. Wie unsichtbare Kraftlinien der Natur und gewiss auch wie die nicht ruhen wollenden Assoziationen des Malers zum Reichtum der Naturgestalten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, verlassen wir nun das Vexierspiel in einem kreisenden Fokus und öffnen abschließend unseren Blick für den Weitwinkel. Wenn wir von Größenverhältnissen sprechen, dann sollten Sie es nicht versäumen, später in den Keller zu wandern und im „Präsentationsbereich“ die Arbeit „Lichtung“ aus dem Zyklus „Grow“ von 2007 anzusehen: Diese hat die unerhörten Maße von 240 x 540 cm.

Wichtig wäre mir an dieser Stelle, noch zwei Werke aus dem Jahr 2008 und der Serie „Beyond“ genauer unter Augenschein zu nehmen: Einmal das Werk „Horizon“, das Sie im Atelierbereich über der Tür hängend finden. Es zeigt eine weiße Winterlandschaft mit in dieser verstreuten Olivenbäumen, die durch ihre Anordnung einzelne Blicke in die Bildtiefe freigeben und unser Interesse „schlängelnd“ vom Bildvordergrund auf den Hintergrund richten. Und betrachten Sie bitte noch das großformatige Tryptichon „Beyond“ (3 mal 140 x 18o cm), das Hauptwerk der gleichnamigen Ausstellung, welches im „Wohntrakt“ zu sehen sein wird. Gerade diese beiden Werke demonstrieren Dietmar Brixy neue Interesse für perspektivische Tiefe, die er über die Themen Horizonte und Alleen artikuliert. Gewiss, in seinen älteren Arbeiten sind wir stets aufgefordert, der optischen Wechselwirkung eines vielschichtigen und schier undurchdringlichen Davors- und Dahinters beizukommen. Doch hier wird unser Blick zielstrebig auf die Ferne, in die Bildmitte, auf den entfernten Horizont als kleinen Augpunkt, gelenkt. Weil uns ein dunkel-düsterer Weg in die winter-kalte, weiße Tiefe führt. Seitlich flankiert von gedrängten, Spalier stehenden, knorzigen Stämmen mit dürrem Geäst.

Ob Dietmar Brixy hier seine eigene „Kunst des Sehens“ und „Augkunst“ inszeniert, allerdings modern und absolut zeitgemäß dem Romantiker Caspar David Friedrich folgend? Frei nach dem Motto:

„Schließe dein leibliches Auge, damit du dem geistigen Auge zuerst siehest dein Bild. Dann fördere zutage, was Du im Dunkeln gesehen, dass es zurückwirke auf andere von außen nach innen“?

In diesem Kontext möchte ich den Expressionisten Georg Heym zitieren. Und, um Dietmar Brixy gerecht zu werden, möchte ich Sie bitten, dieses Zitat in dem Sinne eines dichtenden Malers zu verstehen:

„Und Dichten, so unendlich leicht, wenn man nur Optik hat. Wobei das nur gut ist, dass das so wenige wissen.“

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Melanie Klier