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Essays 2010 - 2011

Brixy im Paradies-Labor

In den jüngst entstandenen Bildern aus der Serie Eden nimmt uns Dietmar Brixy mit ins Paradies. Im extremen Breitformat stellt sich ein kinoartiger Panorama-Eindruck ein – der Betrachter kann mit seinen Augen regelrecht umherwandern in diesem Garten Eden. Wegsam ist dieses Gelände allerdings nicht: Ein undurchdringlicher Farben-Dschungel droht die Sinneswahrnehmung zu überfordern. Üppige Farbschlieren scheinen wie dampfende Wolken durch das Bild zu wabern und dabei ständig in ihren Farben zu changieren. Von verschiedensten Grüntönen über  Blau bis hin zu Rosa und Violett reicht das irisierende Farbspektrum. Bizarr geformte Farben-Flüsse durchzucken wie Blitze das bunte Farbnebeldickicht, als gälte es, Energiestöße in dieses noch gestaltlose Urzeit-Paradies zu senden. Sind wir hier Zeugen der ersten Schritte der Genesis? Eines Zustandes noch vor dem eigentlich Garten Eden, noch bevor die Welt aus einer brodelnden Biomasse heraus Form angenommen hat, sich zu blühenden Wiesen, Blumen, Bäumen und Früchten formiert, Gestalt entwickelt? Hinein geraten mitten in eine Bio-Küche, in der sich, scheinbar zufällig, Moleküle zusammenfinden und vage Formen bilden, bis schließlich erste Blätter, Zweige oder Flussläufe entstehen?

Brixy erlaubt uns einen Blick in sein Paradies-Labor. Hier ist nicht der Schöpfer-Gott am Werk, sondern der Maler in seinem Atelier, und es geht nur im übertragenen Sinn um die Erschaffung der Welt, die Entstehung des Gartens Eden. Das Paradies des Malers ist das Bild, und wir blicken hier mitten in die Entstehung von Malerei, in das Werden und Entstehen malerischer Formen. In vielen Schichten wird die Farbe aufgetragen, noch vollkommen formlos wie die erste Ur-Materie. Schritt für Schritt werden Schichten wieder freigelegt, durch Wischen und Kratzen entstehen Formen, und neue, nun bewusst und kontrolliert angelegte Farbverläufe und -spuren. Mit verschiedensten Instrumenten, Pinsel, Spachtel, Kämmen und schließlich mit den Fingern bearbeitet Brixy die Farbmaterie. Auch die Natur selbst kommt noch zu Wort – Feigenblätter werden in die Farbmasse hineingepresst und hinterlassen ihren Abdruck. Entgegen ihrer biblischen Geschichte verbergen sie hier nichts, sondern zeigen sich selbst in ihrer sinnlichen und ornamentalen Fülle.

Durch die reliefartige, pastose Farbschichtung wird der Prozess der Entstehung ablesbar – der Betrachter wird zum Zeugen bei der Entstehung des Bildes. Nicht nur der fertige Garten Eden, sondern vor allem der Prozess seiner Entstehung ist das Thema dieser Bilder. Malerei, so die These, die Brixy hier formuliert, ist kein fertiges Produkt, sondern ständig sich verändernder und entwickelnder Prozess – und darin ein Gleichnis zur Natur, die als einzige Konstante die ewige Verwandlung in sich trägt.

Während die Bilder aus der Eden-Serie vor allem dieses Verwandlungspotenzial, die urwüchsige und ungebremste Kraft der Bio- oder vielmehr der Farbmasse zeigen, vermitteln die Bamboo-Bilder eine andere Genesis-Stufe. Hier strukturieren die klaren, linearen Formen der Bambus-Rohre die ungestaltete Farbmasse. Wie ein architektonisches Gerüst durchziehen sie die Farbnebel und verleihen der Komposition Ordnung und Strenge, vermitteln zwischen den Formaten und der Darstellung – bei den runden Tondi durch gebogene Verläufe, bei den rechteckigen Bildern durch eher orthogonale Ausrichtung. Ihre reliefartige Ausformung gibt der Komposition zusätzlich eine physische Stabilität, die den Eindruck einer tragenden Struktur unterstreicht.

Man kann bei Brixys Eden-Bildern an den späten Monet denken, der das überbordende Pflanzendickicht zunächst als paradiesischen Garten in Wirklichkeit angelegt hat, bevor er es dann in seinen grandiosen Seerosenbildern in flirrenden Farbvisionen verwandelte. Doch es scheint, als habe Brixy die Monet'schen Gärten weiter nach Osten verlegt. Nicht nur die Farbkombinationen lösen Assoziationen an asiatische Gefilde aus. Bambus ist vor allem in Asien heimisch. In Brixys Darstellung wird diese Heimat unmittelbar erfahrbar, wenn er die Bambus-Rohre in präzisem Purismus wie chinesische oder japanische Kalligraphien ins Bild setzt – wie im übrigen auch die expressiven Ast- oder Flusslauf-Formationen der Eden-Serie an die ornamentale Linienführung asiatischer Landschaftsbilder und nicht zuletzt auch an die spirituelle Klarheit von Zen-Gärten denken lassen.

So ist Brixys Eden ein ebenso individueller wie exotischer Paradiesgarten, der uns nicht nur einen Einblick in den Urzustand der Natur gewährt, sondern vor allem in die Entstehung von Malerei: Malerei als Gewinnung von Form und Gestalt aus reiner Farbmaterie - und aus der Verbindung von malerischen Errungenschaften der beginnenden Moderne mit fernöstlicher Spiritualität.

Dr. Reinhard Spieler

Direktor, Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen